Der erste Tag in Varanasi

Der erste Tag in Varanasi

Vor zwei Tagen haben wir Bodhgaya verlassen und uns auf den Weg nach Varanasi gemacht. Bis zur Ankunft in Varanasi lief eigentlich alles ganz gut. Den Flughafen in Gaya konnten wir trotz eines Generalstreiks in Bodhgaya pünktlich erreichen. Hambuddha, einer unserer besten Rikaschafahrer hat es möglich gemacht.

In Varanasi ging es dann los. Ewige Verhandlungen mit Taxifahren, die in der Regel von Touristen mindestens den doppelten Pries verlangen, dann ein Taxifahrer, der sich in der Stadt nicht auskannte. Ich habe ihn dann per Navi in die Nähe unserer AirBnB-Unterkunft gelotst. Eine genaue Adresse hatten wir nicht, denn es gibt hier keine Hausnummern. Den Rest hat dann eine Rikscha übernommen, die von unserer Vermieterin telefonisch an den richtigen Ort gelotst wurde.

Als wir ankamen, waren wir sehr überrascht über die weitläufige Wohnung, die wir ganz allein zur Verfügung haben. Das war schon mal ein Glücksgriff.

Am Abend fanden wir noch ein wirklich gutes vegetarisches Restaurant, in dem wir jetzt schon das vierte Mal gegessen haben.

Der Stress ging in der Nacht los. Müde, wie wir waren, hatten wir vergessen, Maßnahmen gegen die Moskitos zu ergreifen. Morgens gegen drei Uhr wachten wir beide auf, weil alles juckte. Die Moskitos hatten uns den ganzen Rücken zerstochen! Nach dem Aufwachen stellten wir dann noch fest, dass das Internet ausgefallen war, und mein Handy baute keine Verbindung ins Mobilfunknetz mehr auf. Kein guter Start.

Trotz mieser Stimmung ging es dann raus auf die Straße. Wir wollten etwas frühstücken und die Umgebung unserer Unterkunft erkunden. Das Frühstück hatten wir schnell gefunden. Auch eine Menge toller Hindu-Tempel. Der Lärm aber hat uns fertig gemacht. Nach zwei Stunden gaben wir auf und nahmen uns eine Rikscha zu unserer Unterkunft. Als wir ankamen, waren unsere Ohren taub. Es ist echt der Wahnsinn, was hier auf den Straßen abgeht. Wer am lautesten hupt, gewinnt.

Nach zwei Stunden chillen fühlten wir uns wieder stark genug, um uns ins Getümmel zu werfen. Ziel war der Assi-Ghat, der erste Ghat flussaufwärts am Ganges. Zu unserer Erleichterung wurde es zunehmend ruhiger, je näher wir an den Ganges kamen. Das erste Highlight war ein Schlangenbeschwörer.

Dass ich so etwas in meinem Leben noch einmal zu sehen bekomme, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Der Anblick der Schlangen (im zweiten Korb war noch eine), war dann auch etwas furchterregend. Für die Vorführung waren natürlich ein paar Rupien zu berappen.

Weiter ging es in Richtung Ganges, wo sich ein wundervoller Ausblick auf den Fluss bot. Die Schirme und Liegen dienten jedoch nicht zum Sonnen, sondern für eine hohe hinduistische Feier, die am Abend stattfinden sollte.

Der Blick hinauf zum Ghat und dem darüber stehenden Tempel war nicht weniger beeindruckend.

Alle zehn Meter wurden wir angesprochen, ob wir nicht eine Bootsfahrt auf dem Ganges machen wollten. Da wir das eh geplant hatten, kam uns das sehr entgegen. Je näher wir dem Ganges kamen, desto besser wurden die Angebote. Oben auf der Treppe waren es noch 700 Rupien für zwei Personen und eine Stunde. Unten am Fluss konnten wir dann 280 Rupien aushandeln.

Die Fahrt war beeindruckend. Varanasi mit seinen unzähligen Tempeln und den vielen Ghats zog langsam an uns vorbei.

An einem Ghat wurde Tote gewaschen und verbrannt, die noch zu Lebzeiten nach Varanasi gekommen waren, um hier aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt erlöst zu werden.

Überall fuhren kleine Fischerboote und einige Jugendliche fingen mit primitiven Angeln Fische. Die Fische würde ich aber nicht essen, weil das Wasser des Ganges wirklich extrem dreckig ist.

Mittlerweile liefen die Vorbereitung für die hinduistische Zeremonie auf Hochtouren. Wir blieben sitzen und warteten ab. Es dauerte nicht lange, bis einige kleine Mädchen bei uns bettelten. Wir gaben ihnen etwas von unserem Chai. Aber bald entdeckten sie die Watte, die sich Elke als Lärmschutz gekauft hatte. Die Mädchen fanden es dann total lustig, sich damit die Nase zu putzen und hatten einen riesen Spaß dabei.

Mich hat die ganze Szenerie sehr nachdenklich gestimmt und in mir kam die Frage hoch, wieviel man eigentlich braucht, um glücklich zu sein. Diese Mädchen hatten wirklich nichts. Nicht einmal genug zu essen. Trotzdem waren sie total fröhlich und ausgelassen.

Fast pünktlich begann die Feier, eine Feuer-Puja, die uns einfach nur staunen ließ. 

Zuerst wurden die Protagonisten der Zeremonie gesegnet.

Dann begann die Feuer-Puja. Das Ganze war eine tief beeindruckende Mischung aus Gebeten, Musik, Tanz, Feuer, Rauch und Wasser. Alle Zuschauer beteten und sagen mit. So entstand eine unbeschreibliche Atmosphäre.

Gleich nebenan wurde die Bühne für eine Vorführung klassischer indischer Musik vorbereitet. Auch wenn die Moskitos mehr und mehr Blut aus uns heraus saugten, wollten wir bleiben.

Für unsere Ohren völlig fremdartige Klänge lagen in der Luft. Die ganze Stimmung war eine Mischung aus Meditation und Ekstase. Völlig gebannt hörten wir zu und schauten auf die Bühne. Es war einfach unbeschreiblich.

An dem Tag gestern haben wir Indien wieder von allen seinen Seiten kennengelernt: unerträglicher Lärm, bittere Armut, gelebte Religion und höchste Kultur. Die Gegensätze sind hier so riesengroß, dass es manchmal mental nur schwer zu bewältigen ist.

Posted on: Februar 25, 2018GerdGruhn

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